Die Errichtung einer Wallfahrtskapelle in Rafingsberg
und der Versuch, die Wallfahrt wieder zu beleben

 

Aus der Dissertation

„Hab ein gar kostbar Gut erfläht“
von
Mag. Friedrich Tschuden

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Starker Hagelschlag verursachte in den Nachkriegsjahren vor allem auf den Feldern um die Kirchenruine schwere Schäden. Von Teilen der Bevölkerung wurde das als Strafe für den an der Kirche begangenen Frevel gewertet. Deshalb wurde im Inneren der Ruine ein Sühnekreuz errichtet, der Chorraum in einen würdigen Zustand gebracht.

Zwischen 1948 und 1950 ließ der Bezirkshauptmann von Waidhofen an der Thaya, KirchenruineDr. Johann Haushofer (1945- 1950), die erhalten gebliebenen Reste der ehemaligen Kirche durch umfangreiche Baumaßnahmen sichern, um sie vor weiterem Verfall zu retten. 1980 waren jedoch nur noch die Mauern des Chors vorhanden. Fünf schlanke hohe spitzbogige Fensterumrahmungen und Ansätze von Gewölberippen lassen die Schönheit der ehemaligen Wallfahrtskirche erahnen. Im Inneren der Ruine befand sich eine kleine Holzkapelle mit einem Altar an der Stelle, an der einst der Hochaltar gestanden war. Die Kapelle war von einfachen Holzbänken umgeben, die aber zeigten, dass die Tradition der Wallfahrt auf den Rafingsberg nicht vergessen war.

Im Jahr 1988 wurde nach seiner Übersiedlung nach Windigsteig der Architekt DI Reinhard Herout Obmann des örtlichen Verschönerungsvereines. Gleichzeitig wurde er zum stellvertretenden Obmann des Pfarrkirchenrates gewählt. Der damalige Pfarrer von Windigsteig, P. Theodor Wurz, ersuchte ihn, die alte und bereits baufällige Holzkapelle, in der Wallfahrtsmessen, Maiandachten und Erntedankfeste gefeiert wurden, zu erneuern, da sie der Würde des Ortes nicht mehr entsprechen würde. Sein erster Vorschlag war, dass das Stift Zwettl die Ruine zurückkaufen sollte. Danach wollte er auf den Chor ein Glasdach aufsetzen, um ihn als Gottesdienstraum wieder herzustellen und die Wallfahrt erneuern zu können. In diese Zeit fiel auch ein mehrfacher Wechsel der Besitzverhältnisse der Ruine. Schließlich wandten sich sowohl der damalige Abt des Stiftes Zwettl, P. Bertram Baumann, der damalige Kaplan von Windigsteig , der jetzige Abt des Stiftes, P. Wolfgang Wiedermann, aber auch der Bürgermeister von Windigsteig, Anton Dangl, gegen einen Ankauf der Ruine und gegen jegliche Erneuerung auf den Rafingsberg.

Im Herbst 1988 machte DI Herout den Vorschlag, in der Nähe der Ruine eine neue Kapelle zu errichten. Leopold Hörndl aus Klein-Reichenbach verkaufte – als Sühne – ein kleines Grundstück an der Landesstraße 322 von Rafings nach Windigsteig an die Pfarre. Einige Jahre zuvor war ihm ein 14-jähriger Schüler am Heimweg in der Nähe der Schule vor das Auto gelaufen und ist seit diesem tragischen Unfall querschnittgelähmt.

Kapelle

Im Winter 1988/89 entwarf DI Herout die Einreichpläne für eine Bauverhandlung. Dabei plante der Architekt das Gebäude so, dass es als Dorfkapelle auch einen Glockenstuhl umschloss. Nach der Erteilung der Baugenehmigung konnten Ende April 1989 die Bauarbeiten begonnen und bereits Anfang September abgeschlossen werden. Die Kosten betrugen trotz der Mithilfe vieler freiwilliger Helfer 1 200 000 S.

Zur Finanzierung des Kapellenbaus ohne Unterstützung durch die Kirche oder öffentliche Hand wurde eine Bausteinaktion gestartet. Als Baustein zu je 150.- S diente dabei ein von Prof. Theodor Laube aus Waidhofen an der Thaya gefertigter Druck, der unter dem Titel „Wir alle sind unterwegs auf dem Weg zum Licht“ die Ruine Rafingsberg zeigt, die durch eine Menschenkette mit einem Bildstock, der sich auf dem Areal der neuen Kapelle befindet, verbunden war. Das Original für diesen Druck hat eine Größe von 55,5 x 40,5 cm.

Die neue Kapelle ist ein anmutiger, kleiner Zentralbau mit einer polygonalen Apsis, einem offenen Dachreiter mit Zeltdach.

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In der Mitte der Kapelle ragt der Glockenturm empor, an dem die alte Marienglocke aus der ehemaligen Wallfahrtskirche als Sühneglocke aufgezogen wurde. Da der Glockenstuhl kein elektrisches Läutwerk hat, wird wie in alten Zeiten händisch geläutet.

Zwischen den tragenden Teilen des Glockenturms über dem Altar wurde eine Kopie des zweiseitig bemalten ehemaligen Gnadenbildes angebracht, das auf der Vorderseite „Maria mit den Sieben Schmerzen“ zeigt. Auf dem reich vergoldeten Bild gleicht die Gottesmutter einer Nonne. Die ältere Rückseite zeigt eine fraulichere gütige Maria ohne Verwendung von Gold und dürfte ein altes ehemaliges gotisches Tafelbild von ungefähr 1250 als Vorbild gehabt haben.

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Die Kapelle konnte am ehemaligen Patroziniumstag der alten Wallfahrtskirche Maria Sieben Schmerzen, am 15. September 1989, in Anwesenheit von ca. 1500 Gläubigen vom Abt des Stiftes Zwettl, P. Bertram Baumann – fast 200 Jahre nach der Entweihung der ehemaligen Wallfahrtskirche – geweiht werden.

Im Inneren bietet die Kapelle 22 Sitzplätze. Bei großen Festen kann die Doppeltüre geöffnet und der Altar, der auf allen Seiten mit Einlegearbeiten geschmückt ist, bis zu den Toren verschoben werden. Einmal im Monat wird hier eine hl. Messe gelesen, einmal im Jahr eine Wallfahrt durchgeführt. Außerdem ist die Kapelle auch beliebt als Ort für Taufen und Hochzeiten. Im Advent findet hier ein Adventmarkt statt.

Seit 2004 veranstalten die Pfarre und der Tourismusverein Windigsteig jährlich eine als Fußwallfahrt geführte Sternwallfahrt auf den Rafingsberg, an der die Pfarren Windigsteig, Waidhofen an der Thaya und Großhaselbach teilnehmen.

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Im Jahr 2007 fand diese Wallfahrt am Sonntag, dem 17. Juni statt, mit Abmarsch von Waidhofen und Großhaselbach um 13 Uhr, von Windigsteig um 14:30 Uhr. Die Marienfeier am Rafingsberg bei der Kapelle begann um 15:00 Uhr.

Es kamen etwa 40 Wallfahrer aus Waidhofen, denen ich mich anschloss, 60 Pilger aus Windigsteig, 70 aus Großhaselbach singend mit Fahnen und Kreuzen auf den Rafingsberg, unter denen sich auch viele Kinder und Jugendliche befanden. Etwa 200 Pilger kamen direkt zur Marienkapelle, wo Pater Bernhard aus dem Stift Zwettl und Pfarrer Rennhofer aus Waidhofen die Marienfeier gestalteten.

Im Anschluss an die kirchliche Feier luden die Organisatoren zu einem gemütlichen Wallfahrtsausklang rund um das ehemalige Mesnerhaus der alten Wallfahrtskirche ein.

Für die Wiederbelebung der Wallfahrt wäre wahrscheinlich vorteilhafter gewesen, die Gnadenstätte im weithin sichtbaren Rest des Chors der alten Wallfahrtskirche einzurichten. Wahrscheinlich hätte eine solche Positionierung an mehreren Tagen im Jahr Prozessionen angezogen. Meiner Ansicht nach fehlt zu einer nachhaltigen Belebung der Wallfahrt doch die Unterstützung der verantwortlichen kirchlichen Stellen.


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