Bildstöcke und die „Wallfahrt vor der Haustüre“

 

Marterl – „Schrei nach Unsterblichkeit“

Dr. Eduard Habsburg
Bischöflicher Medienreferent
St.Pölten

Wallfahrten nach Santiago de Compostela, Rom, Jerusalem – das sind große, spektakuläre Aktionen, die einen Einschnitt in unserem Leben bedeuten können. Weniger Aufsehen erregend und für den kleineren Geldbeutel gibt es natürlich die Wallfahrtsorte in unserer Gegend – die kleine Kapelle am Berg; die Marienkirche, zu der man aus Tradition gerne mal am Sonntag aufbricht. Doch daneben existiert eine ganze Reihe von lohnenden Zielen in unserer unmittelbaren Nähe, besonders, wenn wir am Land leben; wallfahrts-würdige Objekte, die wir zumeist total übersehen, wenn man uns nicht darauf hinweist. Es gilt, sie für uns zu entdecken; und das ist eigentlich ganz einfach.

Überall können wir ihnen begegnen, unwillkürlich, einsam inmitten einen Ackers, am Rand eines Dorfs oder tief in einem verwachsenen Waldstück: den Bildstöcken. Manchmal nur ein einfaches Holzkreuz, manchmal eine ausgeschmückte Bildtafel – immer erinnern sie uns daran, dass es eine Wirklichkeit jenseits der Wirklichkeit gibt, oder, wie ein Bildstock aus der Misson-Heimat Mühlbach verkündet:

„A Bildbam, a Kreuz am Feld
Alles mahnt di, Mann, an d’anri Welt
und predigt da bei allm, was d’tuist
daß d’da net bleibst, daß d’umi muißt.“

auf Deutsch (frei übersetzt):

„Ein Bildstock, ein Kreuz am Feld
das mahnt dich an die andre Welt
und predigt dir, wo du auch bist
dass deine Heimat drüben ist.“

Alleine schon dieser Aspekt der Bildstöcke – mahnende Erinnerungen an die „andere Welt“, welche für uns irgendwann die eigentliche werden wird – ist bereits bewegend und führt uns in die Tiefe. Doch wer sich intensiver mit diesen Kleindenkmälern beschäftigt, entdeckt eine faszinierende Welt zwischen Geschichte und Glauben.

Solche Bildstöcke finden sich praktisch überall in Niederösterreich und stehen für gewöhnlich an wichtigen Wegen; wenn sie außerhalb des Ortes einsam am Feldrain liegen, bezeichnen sie vielleicht einen alten Pestfriedhof, wo man die Dorftoten einst hastig verscharrte, oder sie geben schlichtweg die Mitte des Weges zwischen zwei Dorfkirchen an. Manchmal markieren Bildstöcke aber auch altehrwürdige, ja „heilige“ Orte: in den allermeisten Fällen dürfen wir davon ausgehen, dass es vor dem Bildstock einen älteren gab, der irgendwann ersetzt wurde, dass schließlich, weit zurück in der Geschichte, an dieser Stelle bereits etwas „anderes“ stand, bevor das erste christliche Steinsäulchen errichtet wurde. Die „Macht der Gewohnheit“ ist, besonders am Land, seit uralten Zeiten sehr stark.

Die ältesten Exemplare sind schlichte Steinsäulen mit einem meist tabernakelförmigen Aufsatz, einer Szene aus der Heilsgeschichte und einer Jahreszahl. Ganz am Anfang waren sie hohl und stellten gewissermaßen eine Totenlaterne dar. Der Typus, den wir heute vor allem finden, stammt aus dem 17. oder 18. Jahrhundert und stellt, das ist uns gar nicht bewusst, vielfach die älteste Quelle über ein Dorf dar, neben den Pfarrmatriken natürlich. Und natürlich tragen viele, nicht alle Steinsäulen irgendwo einen Namen, den des Stifters nämlich. Wenn wir also den nächsten Bildstock betrachten, unsere Hand über seine raue Oberfläche gleiten lassen, die halbverwitterte Inschrift auf der Rückseite entziffern – dann sollten wir uns bewusst machen, dass dieses Bauwerk aus einer Zeit, aus der es keine Grabsteine, keine Briefe und keine Erinnerungsstücke mehr gibt, für einen Stifter durchaus so etwas wie ein Schrei nach Unsterblichkeit sein kann. Denn man setzt seinen Namen auf dieses Glaubenszeugnis ja nicht nur, um im Dorf mit seinem Reichtum zu protzen – man hofft auch, dass Dorfbewohner wie Wanderer beim Vorbeigehen kurz innehalten und ein kleines Gebet für den sprechen, dessen Namen da auf dem Bildstock steht.

Und gerade dieser Aspekt kann oft erschütternde Züge annehmen, denn leider begreift nicht jede Dorfgemeinschaft, was für ein Schatz da am Rande ihres Ortes langsam verwittert. In einem Dorf meiner Umgebung steht so ein Bildstock an einer Wegkreuzung – etwas verfallen. Nur zufällig kann man, wenn man seinen Kopf im richtigen Winkel neigt und die Strahlen der Sonne ihn richtig beleuchten, den Namen des Stifters entziffern. Hätte er sich das je träumen lassen? Dass er trotz des unverwüstlichen Steinmaterials so in Vergessenheit geraten würde?

Und die Zeit geht auch mit dem Straßennetz grausam um, aus wichtigen Straßen werden unwichtige Feldwege, Foto: Dr. Eduard Habsburgdann Trampelpfade. Manche Bildstöcke stehen mitten auf einem offenen Acker, ein Stein des Anstoßes für den Landwirt, einsam und nie besucht. Die tragischste Geschichte dieser Art ist für mich ein völlig vergessener Bildstock in einem Waldstückchen am Manhartsberg unweit von Langenlois, der an einem überwucherten Trampelpfad steht. Früher ging hier eine bekannte Pilgerstrasse von Böhmen nach Mariazell durch. Dann versumpfte eine Wiese in der Nähe, die Straße wurde umgeleitet, und Adam Wohlmut, der im 18. Jahrhundert seinen Bildstock an dieser viel begangenen Straße aufstellen ließ, wäre wohl ganz in Vergessenheit geraten , wenn nicht…
…ja, wenn ich Ihnen nicht seinen Namen verraten hätte.

Womit wir wieder beim Anfang wären. Wie kann die Begegnung mit den Bildstöcken zu etwas werden, was einen historisch interessierten Spaziergang übersteigt und zu einer kleinen Wallfahrt vor unserer Haustüre wird? Nun, der erste Schritt ist einmal, sie zu suchen, wahrzunehmen, kennen zu lernen, diese religiösen Kleindenkmäler in der Landschaft. Wenn man erst einmal das Auge geschult hat, sieht man sie bald überall und wundert sich nur, dass man sie bisher ignoriert hat.

Und dann kann man einfach einen Spaziergang machen, der einen zu zwei, drei Bildstöcken in der Natur führt; warum nicht gleich mit Kindern? Dann erforscht man sie gemeinsam, betrachtet die religiöse Darstellung aus der Heilsgeschichte, die Pietá, Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist, den dargestellten Heiligen und lässt die Botschaft auf seine Seele wirken. Und wenn ein Name eines Stifters zu erkennen ist, kann man ihm den Liebesdienst eines kleinen Gebets schenken. Und dabei über die Vergänglichkeit nachsinnen, über das, was wirklich wichtig ist.

Und wenn wir „unsere“ Bildstöcke besser kennen gelernt haben, können wir es uns zum Beispiel zur Gewohnheit machen, sie bei jeder Vorbeifahrt kurz mit dem Blick zu suchen, zu begrüßen und ein kleines Gebet zu sprechen. So kann der Weg zur Arbeit auch zu einer kleinen Wallfahrt werden.

Dann erfüllen die Bildstöcke ihren eigentlichen Zweck, indem sie uns nämlich daran erinnern, daß inmitten unseres Alltags die Heimat, die „umi“, drüben ist, niemals vergessen werden soll.

Zur Einübung können wir ja ein kurzes Gebet für den armen, vergessenen Adam Wohlmut vom Manhartsberg sagen.

Dann war sein Schrei nach Unsterblichkeit nicht vergebens.


Aus dem Jahrbuch 2012 der Diözese St.Pölten
Wege zum Ziel – Menschen Pilger Wallfahrer

Zu beziehen beim
Behelfsdienst der Pastoralen Dienste der Diözese St. Pölten
3100 St.Pölten
Klostergasse 15
unter der Nummer 02742/324-3315


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